Sonntag, 6. April 2008

Endspurt, Tag 4, 13.03.08

Die Nacht in der Bothy war zwar kühl, aber trotzdem eine wohltat. Mehrfach hörte man nachts den Wind um das Gebäude fegen und das laute prasseln von Hagelkörnern auf dem Blechdach. draußen wäre die Nacht zwar auch zu Überstehen, das Ufer des nahen River Ling bietet trockene Sandbänke mit festem Untergrund, welche einen guten Zeltplatz ergeben hätten.

Aber ein Feldbett in einem Windgeschützten, trockenem aber klammen Gebäude ist doch schon ein nicht zu verachtender Luxus in dieser Situation, was von mir gern angenommen wurde. Einfach allein schon die Möglichkeit sich mal richtig auszubreiten und nicht in dem beengendem Zelt zu sitzen war angenehm.


Am Abend hatte ich noch mit dem GPS meine weitere Route geplant. Gut 12km Luftlinie von meiner Position war die Ortschaft "Kililan". Zwar eine Abweichung von meiner geplanten Route, aber Vorerkundungen am Vorabend hatten ergeben das diese Route bedeutend einfacher ist. Alternativ hätte ich direkt am frühen morgen sofort eine Flussdurchquerung machen müssen, wonach es mir überhaupt nicht Stand.

Nach 4 Tagen ohne einen Menschen zu sehen, war der Gedanke wieder Menschen zu sehen schon sehr sehr verlockend. Die Route sah auf dem GPS ganz angenehm aus, sie führte einen Glen hinauf und wieder hinab in einen großen Glen, welcher sich bis zum Atlantik schlängelt und sich dort im "Loch Long" öffnet.



Direkt nach dem Aufstehen erstmal die Klamotten, die ich zum trocken aufgehängt hatte, kontrolliert. Alles was nass war ist immer noch feucht, der Rest ist klamm. Mist. Also erstmal rein in die Klamotten um wieder warm zu werden. Die Socken sind zwar auch noch feucht, aber leider gibt es keine alternative als die anzuziehen. Habe auch gleich eine mentale Notiz abgelegt - nächste Mal ruhig zwei paar Socken mehr mitnehmen und mir eine Idee zum trocknen überlegen. Mit kalten Füßen in den noch kalten Stiefeln erstmal runter zum Fluss. Ein zaghafter Versuch sich mit dem eiskalten Wasser zu waschen - wenigstens wurde man davon Wach, aber richtig! Gleich auch Wasser für den Kaffee besorgt und das Frühstück, bestehend aus Müsliriegeln, Shortbread-Keksen und Kaffee zu mir genommen.

Das zusammenpacken des ganzen Krempels dauerte an diesem Tag auch länger, da ich den Rucksack komplett ausgepackt hatte. Also dauerte es bis gut 07:30 bis ich unterwegs war. Als ich die Hütter verließ und mich Richtung Norden den Berg hinauf machte, stieß ich schon nach kurzer Zeit auf eine Versorgungsstraße. Zwar in miserablen Zustand, aber ein Weg der in genau meine Richtung führt. Also gleich hinterher.


Mittlerweile hatte ein Schneeregen eingesetzt. In der Nacht hatte es anscheinend auch geschneit, denn überall lagen noch vereinzelte Schneereste. Durch die Regen und Hagelschauer der letzten Nacht bildeten sich überall Bäche. Selbst die beiden Reifenspuren der Versorgungsstraße dienten als Abfluss für die Wassermassen. Die Straße war weiter oben teilweise komplett von dem Flüsschen weggespült. Was früher vielleicht mal eine Furt war, ist jetzt kaum noch zu erkennen.


Hier auch noch ein recht beeindruckendes Bild, ganze Hügel werden langsam aber sicher vom Fluss abgetragen. Jedes Jahr verändert die Landschaft ihr Bild.


Teilweise ließ sich der Erosionsprozeß live miterleben. Am Ufer des Baches unterspülte das Wasser den Torf und große Brocken waren in das Bachbett gestürzt. Für mich sehr praktisch, da diese ballen meist eine Sichere Trittfläche für einen Flussdurchquerung per großem Sprung boten. Mittlerweile kamen wieder einige kräfte raubende Anstiege und Schnee und Eis wurden wieder verstärkt zu einem Begleiter. Wenigstens ist die dünne Schicht aus Neuschnee nicht besonders dick und der Boden darunter auch nicht Glatt, so komme trotzdem gut und schnell voran.

Nach zwei Stunden war dann der höchste Punkt überschritten und das Wasser floß wieder in die andere Richtung ab. In der Ferne sieht man das Tal, welches mich zu meinem Ziel führen sollte - direkt an die Atlantikküste, wenige Kilometer südlich von Kyle of Lochalsh.



Wieder ist die Straße teilweise weggespült oder führt durch tiefe Furten. Aber glücklicherweise sind die Bäche nie so tief, das man sie nicht mit etwas Geschick per zwei Sprüngen überwinden konnte. Gerade an Stromschnellen und Wasserfällen gibt es immer irgendwo Einschnürungen oder einfach große Rauhe Felsen die sich quasi anbieten. Anderswo hat ein Erdrutsch die Straße halb verschüttet:


Ins Tal hinabgestiegen wird der Weg wieder deutlich besser. Etwas weiter die Straße runter fuhr ein Traktor und ein Geländewagen den Weg entlang - Menschen! Die Fahrer Grüßen freundlich und ich setze meinen Weg fort. Inzwischen laufe ich direkt auf den Atlantik zu, das Wetter wird immer unbeständiger. Im Stundentakt springt das Wetter zwischen Sonnenschein/Wolkenbruch/Schneeregen. Faszinierend.

Den Weg den man oben sieht bin ich für den Rest des Tages gefolt - immer weiter und weiter. Hier und da sah man Futterstellen mit frischem Heu für das viele Rotwild das hier umher läuft. Zwar haben die Tiere ein beeindruckendes Geweih, sind aber sehr scheu. Sie halten immer einen gleichmäßigen Abstand zu mir. Und man wird jedesmal von allen Tieren der Herde angestarrt. Ein etwas seltsames Gefühl

Wenige Minuten später kam die Sonne heraus. Und zwar mit Wucht. Regenjacke auf, Fleecejacke auf, alle Belüftungsöffnungen an der Jacke geöffnet. Eine Wohltat :-)

Allerdings sollte das nicht lange vorhalten. Man sieht immer schon eine neue Wolkenfront in das Tal hineindrücken - wird kurz mit einem starken Regenschauer eingedeckt nur um 15 Minuten später wieder mit Sonnenschein verwöhnt zu werden.
Hier zwei Bilder von der selben Position direkt nach einem solchen Regenschauer aufgenommen. Links der Blick zurück, rechts der Blick nach vorn.



Im Sonnenschein ist die Landschaft einfach nochmal doppelt so schön.
Kurze Zeit später wurde der Weg den ich folgte zu einer Asphaltieren Straße. Zwar nichtmehr so spannend, aber es war ja schließlich der Endspurt.

Aber halt! So einfach sollte es nicht werden. Es kam noch ein letztes Hindernis. Und zwar ein Respekteinflößendes. Die Straße führte durch ein offenes Gehege auf dem Schottische Highland-Rinder standen. Die Tiere haben eine beeindruckende Größe und noch beeindruckendere spitze, lange Hörner. Und wieder einmal starren einen rund 30 Tiere stoisch an, und mein Weg führte dummerweise genau zwischen den Tieren hindurch. Also den Mut zusammengenommen und vorsichtig und ruhig zwischen den Tieren hindurchgegangen. Natürlich nicht ohne vorher mögliche Fluchtpunkte auszuspähen - ein Bächlein mit steilen Ufern, da wär ich zur Not hineingehüpft, hätte mich ein Tier angegriffen. Letzendlich begnügten sich die Tiere aber damit mich weiterhin anzustarren bis ich außer Sichtweite war.


Etwas weiter die Straße hinab konnte man den Ort "Kilillan" schon erkennen. Juchu! Der Ort war letztendlich winzig, maximal zwanzig Gebäude und eine Telefonzelle. Diese funktionierte natürlich nicht. British Telecom :-)
Etwas hinter Kilillan traf ich auch wieder auf den River Ling, dem ich anderfalls ein ganzes Stück gefolgt währe.

Mit jedem Schritt komme ich dem Meer näher, inzwischen liegt auch der Geruch von Salzwasser, Algen und Seeluft in der Nase. Am Kiesstrand mache ich eine kurze Pause, nichtmehr weit und ich bin an einer größeren Straße. Mein rechter Fuß tut inzwischen weh, die Nassen Socken fordern ihren Tribut und an der Hacke hat sich eine große Blase gebildet. Mit dem erreichen der nächsten größeren Straße geht auch meine Tour zuende. Per Tramping überwinde ich die letzten 15 Straßenkilometer bis Kyle of Lochalsh. Es hatte keine fünf Minuten gedauert eine Mitfahrgelegenheit zu finden - ein enorm großer asiatischer Pick-Up Truck, wie sie hier massenhaft zu sehen sind. Man könnte denken man ist in Texas ;-).
Witzigerweise stellt es sicher heraus, das mein Freundlicher Fahrer der "District Manager" für das Gebiet um Kyle of Lochalsh ist, also ein Beamter der sich um alle möglichen angelegenheiten des öffentlichen Interesses in der Umgebung kümmert. Dem konnte ich auch gleich die defekte Telefonzelle in Kilillan melden. Nach den Tagen war es auch einfach schön jemand zum reden zu haben. Ich hoff ich hab den nicht zusehr genervt ;-).
Nach zwei Stunden Aufenthalt in der Stadt ging es dann auch mit der Scotland Rail zurück nach Dingwall und von dort mit dem Taxi nach Strathpeffer. Christian und Anita schauen nicht schlecht als ich schon am Abend des vierten Tages ankomme. Wieder in einem richtigen Bett zu schlafen war schön.

Als nächstes: Inverness und demnächst: Tagestour zum Blackwater River

1 Kommentar:

Dee hat gesagt…

Wurde aber auch Zeit, dass es weitergeht :D Wollte schon meckern ... ;-) Sehr sehr schöner Bericht, man fühlt sich so richtig "eingebunden"... aber ein paar mehr Leidensgeschichten könnten schon drinnen sein *bg* LG, Dirk